Presse – Kiel und der Matrosenaufstand 1918

 

 

 


 

Viele historische Rückblicke befassen sich im Jubiläumsjahr mit der Kieler Novemberrevolution. Der Ernst Busch-Chor hat sich aufgemacht, den Matrosenaufstand 1918 mit Liedern und Texten zu proben, dabei zu unterhalten, die Herzen zu erreichen, aber auch zu politischem Engagement aufzurufen. „Wir wollen nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern den Bezug zur Gegenwart herstellen“, sagt Barbara Münz-Wiedemann vom Vereinsvorstand. Angesichts der vielen Krisen auf der Welt eint die Menschen damals wie heute die Sehnsucht nach Frieden. Aber: „Es gibt keinen Frieden, wenn wir ihn nicht wollen“ – so lautet der Titel des Jubiläumskonzerts am 5. Mai.

Der Matrosenaufstand fand seinen Nährboden in der großen Not der vom Krieg zermürbten Bevölkerung. Schon im Winter 1917/18 gab es in Kiel Streiks gegen Hunger und Krieg. Wie intensiv sich der Chor mit der Zeit vor 100 Jahren auseinandersetzt, darauf gab er bereits im März einen Vorgeschmack bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem Berliner Ernst-Busch-Chor im Kieler Gewerkschaftshaus. Sängerinnen und Sänger stimmten nicht nur Revolutions- und Arbeitslieder wie „Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht“ an, sondern auch Volkslieder wie „Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg“. Sie spielten die Aufmärsche nach, schwenkten rote Fahnen und ließen Sprecher aus den Chorreihen heraustreten, um Zeitzeugen wie Lothar Popp, den Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates, zu zitieren: „Möge jeder die Zeichen der Zeit erkennen. Zerbrecht endlich Eure Ketten.“ Immer wieder gab es Hinweise auf die heutige Zeit mit Millionen von Flüchtlingen, Verfolgung, Gewalt und Armut.

Schon im Vorwort macht der Chor deutlich, wie sehr er sich dem Aufstand verbunden fühlt, zum einen aus dem politisch linken Selbstverständnis heraus, „ein kritischer Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein“. Zum anderen aber auch, weil der Namensgeber und Kieler Werftarbeiter, Schauspieler und Sänger Ernst Busch die politischen Umwälzungen als junger Mann miterlebt hat. Dirigentin Marianne Kuder-Hartmann (71) erzählt, dass die Chormitglieder sich schon länger dem Thema mit verschiedenen Stilmitteln nähern und keine Sekunde zögerten, als das Kultusministerium den Anstoß zum Jubiläumsprogramm gab. Der Aufstand habe zum Ende des Krieges und der Kaiserherrschaft geführt: „Das finde ich enorm aufregend.“

Lange schien die Bedeutung der Novemberrevolution für die Entwicklung der Demokratie in Kiel vergessen. Münz-Wiedemann (66) sieht es daher auch als Aufgabe des Chores an, den Umsturz mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Um so froher war die Sozial-Pädagogin, als der Chor im November 2009 vor dem Bahnhof unter anderem auch die Internationale anstimmen konnte: Die Stadt hatte „endlich“ zu einem Erinnerungsmarsch aufgerufen, um den Spuren der revolutionären Vorfahren von der Waldwiese zum Hauptbahnhof zu folgen. In der Schule habe er nur reine Daten erfahren, erinnert sich Ingenieur Christian Mallas, der mit seinen 33 Jahren zu den Jüngsten im Chor zählt: „Erst, als ich mich näher mit dem Ereignis befasst habe, ging mir ein Licht auf, dass Demokratie nicht gleich parlamentarische Demokratie ist.“ Als „linker Antimilitarist“ bedauert er es, dass die Aufständischen die Räterepublik damals nicht haben durchsetzen können. Vom Matrosenaufstand hat Lehrerin Elisabeth Haug (32) vor ihrem Umzug nach Kiel ebenfalls nur wenig im Schulunterricht gehört. Was bei ihr nachhallt, ist, dass der damalige Kampf für mehr Basisdemokratie und Abrüstung auch heute noch nicht beendet ist. Das Jubiläum biete eine Chance, die Menschen zu politisieren.

Auch im Chor wird Basisdemokratie groß geschrieben, erarbeitet ein Beirat das Programm, wird die Choreografie gemeinsam abgestimmt und werden Vorsitzende eher nur wegen formaler Vorgaben bestimmt. Sie sei mit dem Chorprogramm groß geworden und habe viel Spaß daran, in einem politischen Chor mitzuwirken, erzählt die gelernte Altenpflegerin und Künstlerin Anna Kuder (39), Tochter der Dirigentin. Lehrerin Petra Schönian (60) versichert jedoch, dass der Chor beim Konzert keine Geschichtsstunde in Erinnerung an die Novemberrevolution abhalten will: „Wir hoffen, mit einem interessanten Programm zu unterhalten, um auch nicht so historisch interessierte Menschen zu erreichen.“ Dass die Stadt mit den Jubiläumsveranstaltungen nicht nur Rückschau betreibt, sondern unter dem Motto „Kiel steht auf“ den Bezug zum Einstehen für die heutige Demokratie herstellt, findet sie als Idee „erfrischend“. Für den Chor geht der Aufstand weiter. Nach dem Auftritt im Hof Akkerboom am 5. Mai soll ein Konzert im Herbst in Gaarden folgen.

Der Ernst-Busch-Chor sucht noch Sänger und Sängerinnen. Interessenten können sich bei Barbara Münz-Wiedemann, Tel. 0431/76980, oder Petra Schönian, Tel. 0431/697511, melden.

Jubiläumsprogramm auf Hof Akkerboom

Der 1975 gegründete Ernst-Busch-Chor lädt am Sonnabend, 5. Mai, ab 20 Uhr zu seinem Jubiläumsprogramm über den Kieler Matrosenaufstand auf den Hof Akkerboom, Stockholmstraße 159, ein. 1918 und 2018 prangen als bestimmende Daten auf dem Einladungsplakat, um den Bezug zur Gegenwart zu verdeutlichen. Der Chor singt an dem Abend nicht nur traditionelle Arbeiter- und Revolutionslieder. Er trägt auch Texte vor, unter anderem den Arbeiterführer „Lothar Popp im Streitgespräch mit einem 68er“. Ein anderes aktuelles Streitgespräch erarbeitete der Chor selbst: Darin sprechen drei Menschen unterschiedlicher Generationen über die Bedeutung des Kieler Matrosenaufstandes. Die Stadt fördert den Abend.

Kieler Nachrichten, von Martina Drexler 12.04.2018


Luftangriffe, Bombenkrieg: Das verknüpfen Kieler üblicherweise nur mit dem Zweiten Weltkrieg. Im Ersten Weltkrieg schienen die kriegsentscheidenden Schauplätze vor dem November 1918 weit weg von der Landeshauptstadt. Ein Kieler Historiker beschäftigt sich seit Jahren mit dem Ausmaß des Krieges an der Förde – und zeichnet ein überraschendes Bild, auch des Jahres 1918.

Zur Kriegsthematik wähnte ich, dass ganz viele Dinge bereits bekannt wären“, sagt Stefan Wendt mit Blick auf die Kieler Regionalgeschichte. „Doch zahlreiche Aspekte zum Heimatfrontgeschehen beider Weltkriege sind nach wie vor sehr wenig erforscht“, sagt der 60-Jährige. Über das Reichskriegshafengebiet der Kaiserzeit, das weit über die Stadtgrenzen hinausreichte, staunt er immer noch: „Wie hier Krieg gespielt wurde….“ Selbst der Luftkrieg wurde vorbereitet. Obwohl völlig unklar war, ob Kiel überhaupt im Fokus lag.

Bei Kriegsbeginn verfügte die Kieler Marine über eine kleine ,Flotte’ von zwei Luftschiffen und vier Flugzeugen“, schreibt Wendt in seinem Überblickswerk „Höhe 41“, das sich mit Kriegsstrukturen um die Förde vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik beschäftigt. Dennoch lief eine „gigantische Maschinerie“ an, schildert es der Historiker, die etliche Abwehrposten entstehen ließ. Wesentlich verstärkt wurde der Standort Holtenau durch die dortige Seeflugstation. Im gesamten Kommandobereich existierten am Vorabend des Krieges sieben Forts, zwei Schanzen, sechs schwere Batterien und der Panzerturm bei Laboe.

Die Kieler Bevölkerung wurde vom Gouverneur ab Januar 1915 informiert, dass Luftangriffe möglich seien: Lichter ausschalten, Deckung suchen, auf Alarme achten. Die Gefahr schien real. Die „Kieler Neuesten Nachrichten“ hatten den amtlichen Pressetext für Verhaltensregeln bereits vorliegen. „Flugabwehrübungen und simulierte Luftangriffe auf das Kriegshafengebiet bei Tag wie bei Nacht waren nachweislich seit Januar 1915 gängige Praxis in den Befestigungswerken an der Förde“, schreibt Wendt. „Indes, am Himmel tauchten keine feindlichen Flieger auf. Kiel blieb ein imaginierter Kampfschauplatz, an dem gleichwohl weite Bevölkerungskreise ganz real unter Hunger und Mangelerscheinungen litten.“

Für Wendt ist die Sozial- und Alltagsgeschichte während der Kriegsjahre – die Frage „Wie lebte man inner- und außerhalb der Verteidigungsstellungen?“ – weithin unbearbeitet. 12 000 bis 15 000 Marinesoldaten schützten das Kriegshafengebiet, Tausende Einquartierungen gab es in Dörfern und auf Bauernhöfen, gegen Kriegsende waren immer mehr Kriegsgefangene im Arbeitseinsatz, um modernste Flugabwehr-Stellungen und schwere Seeziel-Batterien zu errichten – obwohl die Marine ursprünglich aus Angst vor Spionage dagegen war. Und irgendwie gelang es, die Truppen lange Zeit bei der Stange zu halten.

Die meisten der älteren Festungswerke wurden im Verlauf von ihren eigentlichen Aufgaben entbunden, so Wendt: „Die simulierten Luftangriffe dagegen wurden intensiviert.“ Die Abwehr in der Höhe wurde mit Sperren aufsteigender Drachen und Ballone verdichtet, sogar die Vernebelung des Luftraums und eine zweite Seeflugstation am Barsbeker See waren geplant.

Brennpunkte waren die Seeflugstation Holtenau und die Festungslandflugstation auf dem Nordmarksportfeld. Beide beleuchtet Wendt in Aufsätzen, die er derzeit für die „Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte“ erarbeitet. Der Übungsluftbetrieb nahm immer weiter zu: 1915 waren es mehr als 500 Flüge, 1917 mehr als 2000. Auch in den ersten Monaten 1918 wurden noch 600 Starts- und Landungen erfasst.

Und doch: „Ich kenne die englischen Akten nicht“, sagt Wendt, „aber ich denke nicht, dass Kiel ein ,main target’ war.“ Wenn überhaupt, sei die Torpedo-Werkstatt ein vorrangiges Ziel gewesen, ganz sicher aber die Akkumulatoren-Fabrik Varta in Münster, ohne deren Batterien die U-Bootflotte aufgeschmissen gewesen sei. 1918 verfügte der Schutzbereich des Reichskriegshafens dennoch von Stohl bis hinter Schönberg über eine komplett durchorganisierte Luftabwehr, bilanziert Wendt in „Höhe 41“. Und das trotz „Eifersüchteleien“ über Zuständigkeiten, nicht nur zwischen Marine- und Heeres-Dienststellen: „Man führte zentralistisch Krieg, aber hat noch die Bundesstaaten – und die oberste Befehlsgewalt obliegt im Heimatgebiet den Stellvertretenden Generalkommandos, den Gouvernements und einzelnen Festungskommandanten“, skizziert er die Gemengelage.

Dezidiert ausgewertet für seinen neuesten Aufsatz hat er unter anderem die Kriegstagebücher der Befehlshaber in den beiden Flugstationen. Zum November 1918 existieren wenige Notizen (siehe Artikel unten). Wendts Forschungsbereich aber ist ebenso relevant wie vorurteilsbehaftet: „Militärgeschichte ist verpönt und wird an den Universitäten eher stiefmütterlich behandelt, was Laienforscher in die Bresche springen lässt.“

Doch zeigt das Geschehen um die Förde, wie sehr Militarismus den Alltag im Kaiserreich durchdrang – Krieg fernab der Front herrschte. Vielleicht ein Grund, dass sich die Ereignisse im November 1918 überschlugen.

Stefan Wendt: „Höhe 41. Krieg und Kriegsspiele an der Kieler Förde im 19. und 20. Jahrhundert“, Ludwig Verlag 2015, 216 S., 29,90 Euro, ISBN 978-3-86935-230-5; ausgezeichnet mit dem Preis der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 2016.

Brennpunkte waren Holtenau und das Nordmarksportfeld

Kaiserschlacht und neue Anleihen – KIEL VOR 100 JAHREN

Den Blick in die „Kieler Neuesten Nachrichten“ vom Sonnabend, 6. April 1918, dominieren Berichte von der Kriegsfront: Im Westen hatte das deutsche Heer am 21. März seine letzte Offensive begonnen, um britische und französische Truppen zurückzuschlagen. „Bisher mehr als 90 000 Gefangene, über 1300 Geschütze“, verkündete die große Schlagzeile auf der Titelseite. Der folgende „Bericht der Obersten Heeresleitung“ feierte, wie südlich der Somme angegriffen und „der Feind aus seinen harten Stellungen“ geworfen wird. Englische und französische Reserven wehrten sich. „Ihr Ansturm zerschellte in unserem Feuer“, hieß es.

Der „Amtliche Marine-Bericht“ verkündete die deutsche Truppenlandung in Finnland – und „Eine Antwort Hindenburgs“ lässt den Generalfeldmarschall für die Oberste Heeresleitung sprechen. Er schreibt von notwendiger Geschlossenheit und Siegeswillen, die harte Zeit nur noch kurzfristig zu ertragen, „um eine umso bessere Zukunft für uns und unsere Nachkommen zu erstreiten“. Oscar Gumpold fasste diese militärischen Handlungen, die auch als „Kaiserschlacht“ bekannt wurden, aus Sicht der Redaktion zusammen: „Der erste Abschnitt der großen Schlacht im Westen ist vollendet.“

Doch auch aus Schleswig-Holstein gab es einiges zu berichten: Der Gemeindeverein Mönkeberg begrüßte zahlreiche neue Mitglieder, in Preetz gab es mehrere versuchte Einbrüche, einer wurde gar vollendet, und aus Schleswig verlautete es: „Die Störche sind hier eingetroffen.“ Die Sport-Nachrichten bestehen dagegen nur aus einem Satz: „Am 1. Ostertag [das war im Jahr 1918 der 31. März] schlugen Kilias Schüler Hohenzollern mit 3:1.“ Im Anzeigenbereich priesen die Händler vor allem Kleidung an – von Alltag bis Mode: Holzpantoffeln, preiswerte Schürzen und Sommerhüte. Eine ganz andere Werbung darüber: „Kriegsanleihe ist die Brücke zum Frieden!“ So wurde der Krieg in seiner Endphase von den Bürgern mitfinanziert. Flugblätter dafür warfen übrigens auch die Flugzeuge über der Stadt Kiel ab. wcz

Kieler Nachrichten vom 4. April 2018, Foto und Text: Wieczorek


In der Wik vor der Kaserne der Torpedo-Division haben sie sich versammelt, Matrosen und Heizer von den Schiffen der kaiserlichen Marine. Wild entschlossen, ihre Forderungen durchzusetzen: Abdankung des Hohenzollernhauses, Aufhebung des Belagerungszustandes, Freilassung sämtlicher politischen Gefangenen. Und nachdem der Kommandeur ratlos abgezogen ist, wählen sie gegenüber im Speisesaal ihre Soldatenräte.

Die Wogen schlagen hoch in Kiel in der ersten Novemberwoche 1918, und so beschreibt es Theodor Plievier (1892-1955) in seinem 1932 erschienenen Roman Der Kaiser ging, die Generäle blieben. Erzählt vom Furor der kriegsmüden Soldaten, die genug haben vom Einsatzbefehl im Angesicht der längst geschlagenen Schlacht.

Minuziös rekonstruiert der in Berlin geborene Schriftsteller, der 1914 nach einer Schlägerei in Hamburg für den Ersten Weltkrieg zwangsrekrutiert wurde, wie die allgemeine Unzufriedenheit in eine revolutionäre Stimmung umschlägt. Und wie die nach der Verhaftung der Meuterer vom Flottenstandort Wilhelmshaven gen Norden schwappt und in Kiel zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten führt.

Ein wichtiges Stück Literatur“, sagt Verleger Olaf Irlenkäuser, der das Buch wieder entdeckt hat und im Jubiläumsjahr des Kieler Matrosenaufstands im Wachholtz-Verlag herausbringt. „In dem Dokumentarroman ist Kiel das Zentrum, in dem sich im November 1918 Geschichte entschied.“ Aus den Quellen hat Theodor Plievier dafür ebenso detailreich geschöpft wie aus dem eigenen Erleben als Matrose; Kiel kannte er als Heizer auf dem kaiserlichen Hilfskreuzer „SMS Wolf“, der 1914/15 400 Tage lang über die Meere vagabundierte. Anfang der Dreißiger ist Plievier noch einmal für mehrere Monate nach Kiel gekommen, hat im Stadtarchiv recherchiert und die Berichte der Kieler Neuesten Nachrichten zum Matrosenaufstand durchforstet. Und wie er das gefundene Material dann in Szene setzte, darin sieht Irlenkäuser „viele Parallelen zu Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin.

So malt Der Kaiser ging … die letzten Tage der Monarchie und des bereits verlorenen Krieges ebenso wie die Meuterei der Matrosen für „Frieden, Freiheit und Brot“. Vom Einsatzbefehl bis zum Ausrufen der Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann am 9. November 1918. Mitten aus dem Geschehen heraus, im hastigen Präsenz geschrieben, macht Plievier die Geschichte lebendig. Er collagiert Flugblätter, Redenprotokolle und Zeitungsberichte, dramatisiert und ergänzt, indem er Wortfetzen sammelt, Kojengespräche imaginiert und Bilder in Großaufnahme entwirft: „Große Menschenmassen bewegen sich durch die Straßen – Matrosen, Werftarbeiter, Frauen … Über den Wilhelmplatz, durch die Holstenstraße und Dammstraße marschieren die Kolonnen: Richtung Feldstraße! Richtung Arrestanstalt!“

Plievier hat ein Gefühl für die brodelnde Stimmung, und man spürt, wie sich aus dem Chaos eine Bewegung formt. Aber der Autor ist auch bemüht, sich in die Politiker einzufühlen, die in Berlin um eine Lösung der Staatskrise ringen. So gelingt ihm ein intensives Bild von dem zwischen allen Stühlen agierenden Prinz Max von Baden, der als Reichskanzler um den Erhalt der Monarchie kämpft.

Von da aus läuft der Roman auf den Kieler Matrosenaufstand zu – Höhepunkt des Geschehens und des Romans – und von da verglüht er auch wieder, nachdem es dem SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske gelungen ist, den Aufstand mit seinem Amnestieversprechen herunter zu dimmen. „Vor der Feldstraße macht der Trupp Halt. Die Fenster von ,Kaiserkaffee’ sind eingeschlagen. Auf der Straße liegen noch Scherben. Und auf dem Pflaster sind noch große Blutflecke vom Abend vorher zu sehen.“

Hier ist kein Roman! Hier ist ein Dokument“: So charakterisierte Plievier selbst das Buch, ein „Versuch, Geschichte zu schreiben“. Und auch Irlenkäuser sieht den Roman mit seinem politischen Duktus in der Tradition einer „engagierten Literatur“, wie sie auch Heinrich Böll geschrieben hat. Zur Neuausgabe hat der Literaturwissenschaftler Walter Arnold, der Plievier bereits in Kiel literarisch integrierte, ein Leporello geschrieben, das kenntnisreich die historische Entwicklung aufdröselt und ein Bild gibt von Plieviers rebellischem Geist.

Theodor Plievier: Der Kaiser ging, die Generäle blieben. Ein deutscher Roman. Wachholtz Verlag, 382 Seiten, 24 Euro.

Kieler Nachrichten, 13.02.2018, Von Ruth Bender


Oliver Auge:
Problemfall Matrosenaufstand Kiels Schwierigkeiten im Umgang mit einem Schlüsseldatum seiner und der deutschen Geschichte
Zum Aufsatz ausgearbeitete und erweiterte Fassung des Vortrags, der am 17. Mai 2014 unter dem Titel
„Kiel zwiegespalten: Die Erinnerung an den Matrosenaufstand von 1918“ auf der Tagung „Zivile und militärische Erinnerungskulturen des 21. Jahrhunderts“ im Flandernbunker in Kiel gehalten wurde.

Matrosenaufstand – Kiels Schwierigkeiten im Umgang mit einem Schlüsseldatum seiner und der deutschen Geschichte (pdf)

Appell an die „Genossen und Kampfesbrüder“. Der Schauspieler Marco Geppert bei der Inszenierung der „Erinnerungsdemonstration“ anlässlich des 91. Jahrestages des Matrosenaufstands auf dem (damals noch so genannten) Bahnhofsvorplatz. (Foto: Martin Geist, Kiel)



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